Beten in Zungen!

Eine biblisch-theologische Betrachtung


In diesem Artikel will ich mich der Frage zuwenden, was unter der Gabe „der Sprachen“ (1.Kor 12,10) zu verstehen ist. Gerade diese Gabe hat seit dem Aufbruch der Pfingstbewegung heftigen Widerspruch erfahren. So schreibt die Los Angeles Times am 18.April 1906 über die Phänomene an der Azusa-Strasse: „Seltsame Laute ausstoßend mit einem Gestammel, das, so könnte man meinen, kein vernünftig denkender Sterblicher versteht – so stellt sich die neueste religiöse Sekte in Los Angeles dar … Sie behaupten, die „Gabe der Zungen“ zu besitzen und das Durcheinander verstehen zu können[1]. Man spürt diesen Zeilen die ablehnende Haltung förmlich an, die aus dieser Beurteilung der frisch aufbrechenden Bewegung sichtbar wird. Mittlerweile ist die Pfingst- und charismatische Bewegung weltweit stark angewachsen[2].

In 1.Kor 12,10 lesen wir, dass der Heilige Geist: „einem anderen <verschiedene> Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen“, gibt.Wenden wir uns also dieser Gabe zu, so fällt auf, dass Paulus hier von „Arten von Sprachen“ berichtet. Hier ist die Frage zu klären, was darunter zu verstehen ist. Meiner Ansicht nach handelt es sich um unterschiedliche Gattungen oder Arten (genos / γένος, Bauer: 313.4) von Sprachen oder Zungen (glossa / γλῶσσα, Bauer: 324). 

Vom Kontext dieser Stelle (vgl. auch 1.Kor 14 und die Ausführungen dort) und der Apostelgeschichte, unterteile ich diese unterschiedlichen Gattungen und Arten von Sprachenrede folgendermaßen:

  • Sprechen in unterschiedlichen nicht erlernten Fremdsprachen (Xenolalie vgl. z.B. Apg 2,11).
  • Beten in Sprachen (Glossolalie = nicht menschliche Sprache zu Gott vgl. 1.Kor 14,14)
  • Singen in Sprachen (Glossolalie = nicht menschliche Sprache zu Gott vgl. 1.Kor 14,15)
  • Danken in Sprachen (Glossolalie = nicht menschliche Sprache zu Gott vgl. 1.Kor 14,16)
  • Prophetisches Reden in Sprachen (Glossolalie = nicht menschliche Sprache zu Menschen vgl. 1.Kor 12,101.Kor 14,13).

[1]Bartleman. Feuer fällt in Los Angeles. :217.

[2]Am Anfang des 21. Jahrhunderts gehören zwischen 220 und 250 Millionen Menschen zu den Pfingst­kirchen, die damit die zweit­größte Konfession weltweit dar­stellen.“ (www.bfp.de/pfingstbewegung-weltweit.html)


Bevor ich dies weiter ausführe, will ich noch ein paar Zeilen bezüglich der Schwierigkeit der Auslegung dieser Stellen weitergeben. Zunächst ist wichtig, dass wir den Anlass zu diesen Ausführungen des Paulus vor Augen haben. Offensichtlich gab es auch bezüglich des Sprachenredens eine ziemliche Schieflage in der Versammlung zu Korinth. Paulus will dies mit seinen Ausführungen korrigieren. Damit wird deutlich, dass Paulus die konkreten Zustände in Korinth vor Augen hatte. Die erste Problematik, der wir begegnen, ist, dass wir schlicht und einfach nicht wirklich wissen, wie die Gottesdienste dort wirklich abgelaufen sind. So fließt die Vorstellung, die sich der Ausleger von den Zuständen in Korinth macht, mit in seine Interpretation ein. Ich stelle mir hier die Zustände in dieser Gemeindeversammlung chaotisch vor. Die Mitglieder dieser Hausversammlung praktizierten das Sprachenreden wahrscheinlich in einem wirren Durcheinander. Sie sprachen ohne Auslegung zueinander in Sprachen. Paulus mahnt hier grundsätzlich zur Ordnung (1.Kor 14,26). Denn wenn ein Unkundiger (vgl. 1.Kor 14,16 idiotäs / ἰδιώτης vgl. Bauer Sp.:753 d), der dies nicht einordnen kann, in die Versammlung kommt, wird er sie für einen Haufen Verrückter halten (1.Kor 14,23). 

Die zweite Problematik, die ich sehe, ist, dass wenn jemandem die Erfahrung dieser Gabe fehlt, er nicht wirklich verstehen kann, wovon Paulus spricht. Hier wird dann schnell der Vorwurf der Erfahrungstheologie erhoben. Dabei will ich aber darauf hinweisen, dass jeder von uns in seiner theologischen Position von seiner Erfahrung mitgeprägt ist. Übrigens fließt auch das, was nicht erfahren haben, in die Auslegung mit ein. Wichtig erscheint mir hierbei daher, dass uns unsere Erfahrung, die mit in die Interpretation einfließt, bewusst ist. So schreibe ich über diese Gabe, als einer, der sie erfahren hat (vgl. „Beten in Zungen…“). Der Zusammenhang von Erfahrung und Bibelauslegung wird schon aus dem Bericht der Apg. ersichtlich. An Pfingsten, als die Jünger mit Heiligen Geist erfüllt wurden und in Sprachen redeten, gab es Menschen, die spotteten und sagten: „Sie sind voll süßen Weines“ (Apg 2,13). Diese Menschen dachten, dass die Jünger besoffen waren. Interessant ist dann die Reaktion des Petrus. Er verweist auf die Schrift und deutet das Phänomen indem er sagt:„…dies ist es, was durch den Propheten Joel gesagt ist…“(Apg 2,16f.)! Diese Stelle aus Joel (Joel 3,1-5) kannten die Zuhörer sehr wohl, was ihnen aber fehlte, war die Erfahrung! Petrus deutet von der Erfahrung der Geisterfüllung her, die Stelle aus Joel. Schon dies zeigt, dass die Erfahrungen, welche wir machen mit in die Interpretation einfließen. Was nicht geschehen darf ist, dass die Erfahrung die Interpretation so bestimmen, dass die biblische Aussage von ihrem Sinninhalt her verbogen wird. Somit habe ich zwei Aspekte in der Schriftinterpretation hingewiesen, die mir gerade auch in Bezug auf diese Thematik in unwesentlich erscheinen. Dabei habe ich meine Vorstellung der Verhältnisse in den Versammlungen der Korinther geschildert und auch meine Erfahrungen dargelegt, welche in die Ausführungen sicherlich mit einfließen. Dabei sollen aber die Bibeltexte die Richtung geben und auch die lehrmäßigen Inhalte bestimmen. Wenn ich dies so darlege wird hoffentlich ersichtlich, dass ich meine Position nicht absolut setze, sondern mir gerade aufgrund des eben geschilderten des Stückwerks meiner Erkenntnis bewusst bin.

Wie oben dargelegt, unterscheide ich die Arten der Sprachen (Pl.) in grundsätzlich zwei Kategorien: Xenolalie und Glossolalie (mit den entsprechenden Aspekten). Wenden wir uns zunächst der ersten Art zu: die Xenolalie.


Xenolalie: Sprechen in einer fremden nicht erlernten Fremdsprache

Die Gabe der „Arten der Sprachen“ aus 1.Kor 12,10 allein auf die Xenolalie zu beschränken, scheint mir zu kurz gegriffen. So stimme ich mit der Aussage von Schnabel nicht überein, wenn er in Bezug auf 1.Kor 12,10 schreibt (:713):

 

Die technische Bedeutung der Wendung „in Sprachen reden“ (γλώσσαιςλαλεῶ) im Sinn von „inspirierter Rede“ ist vor Paulus nicht belegt und entstand wahrscheinlich in christlichen Kreisen, um das Phänomen zu beschreiben, dass der Heilige Geist manchen Christen die Fähigkeit gab, in (menschlichen) Sprachen zu reden, die sie nicht gelernt hatten. Neben der Übersetzung „Sprachengabe“ verwendet man den Ausdruck „Glossolalie“, um den Bezug zu diesem spezifisch urchristlichen Phänomen hervorzuheben.

 

Wir finden die Xenolalie in Apg. 2,4ff.( heterais glossais / λαλεῖνἑτέραιςγλώσσαις[1]) beschrieben. Dort lesen wir:

 

4Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

5Es wohnten aber in Jerusalem Juden, gottesfürchtige Männer, von jeder Nation unter dem Himmel.  6Als aber dieses Geräusch entstand, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, weil jeder einzelne sie in seiner eigenen Mundart reden hörte.  7Sie entsetzten sich aber alle und wunderten sich und sagten: Siehe, sind nicht alle diese, die da reden, Galiläer?  8Und wie hören wir <sie>, ein jeder in unserer eigenen Mundart, in der wir geboren sind:  9Parther und Meder und Elamiter und die Bewohner von Mesopotamien und von Judäa und Kappadozien, Pontus und Asien  10und Phrygien und Pamphylien, Ägypten und den Gegenden von Libyen gegen Kyrene hin und die <hier> weilenden Römer, sowohl Juden als Proselyten, 11Kreter und Araber – <wie> hören wir sie von den großen Taten Gottesin unseren Sprachen reden?  12Sie entsetzten sich aber alle und waren in Verlegenheit und sagten einer zum anderen: Was mag dies wohl sein?  13Andere aber sagten spottend: Sie sind voll süßen Weines.

 

Dass es sich hierbei um Xenolalie handelt ist offensichtlich (von xenos / ξένος : Fremder; Ausländer vgl. Bauer: 1110). Auch ist der Bezug zum Inhalt klar aufgezeigt, es ging dabei um die großen Taten Gottes! Bei der Bekehrung des Hauptmann Kornelius und den Ereignissen in seinem Hause lesen wir (Apg 10,44ff.):

 

  44Während Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die das Wort hörten.  45Und die Gläubigen aus der Beschneidung, so viele ihrer mit Petrus gekommen waren, gerieten außer sich, daß auch auf die Nationen die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen worden war;  46denn sie hörten sie in Sprachen reden und Gott erheben. Dann antwortete Petrus:  47Könnte wohl jemand das Wasser verwehren, daß diese nicht getauft würden, die den Heiligen Geist empfangen haben wie auch wir?  48Und er befahl, daß sie getauft würden im Namen Jesu Christi. Dann baten sie ihn, einige Tage zu bleiben.

 

Ob es sich hierbei um Xenolalie handelt, ist nicht deutlich. Es ist eher an zunehmen, dass sie Gott im Geist (Glossolalie) und im Verstand priesen[2]. Dass dies möglich ist, wird aus 1.Kor 14,15deutlich, wo geschrieben steht:

 

15Was ist nun? Ich will beten mit dem Geist, aber ich will auch beten mit dem Verstand; ich will lobsingen mit dem Geist, aber ich will auch lobsingen mit dem Verstand.

 

In Apg 19,5ff. lesen wir von den Jüngern zu Ephesus:

 

  5Als sie es aber gehört hatten, ließen sie sich auf den Namen des Herrn Jesus taufen; 6und als Paulus ihnen die Hände aufgelegt hatte, kam der Heilige Geist auf sie, und sie redeten in Sprachen und weissagten. 7Es waren aber insgesamt etwa zwölf Männer.

 

Hier ist auch nicht klar, ob es sich um Xenolalie handelte. Vielmehr ist eine Verbindung zwischen Glossolalie und prophetischem Reden wahrscheinlich. So gibt es also zunächst einmal die Xenolalie, hier spricht der Gläubige durch den Geist in einer Fremdsprache, die er nicht gelernt hat und auch selbst nicht versteht. Dabei wird deutlich, dass bei Apg. 2, diese Fremdsprache nicht ausgelegt werden musste, sondern von den Anwesenden gemäß ihre Herkunft erkannt und verstanden wurde. Wenn alles reden in Sprachen Xenolalie wäre, dann liegt das Zeichen darin, dass es von Menschen verstanden wird, die diese Fremdsprache als Muttersprache sprechen und von den großen Taten Gottes hören. In Apg. 2 liegt gerade darin das Zeichen, den übrigen, welche diese Rede nicht verstanden, wurde dies von den Aposteln nicht ausgelegt (vgl. Apg 2,13Erfüllung von Jes 28,11)!

Auch das Phänomen der Xenolalie habe ich persönlich einmal erfahren. Ich war vor Jahren in der Ecclesia Ulm und predigte dort. Am Ende meiner Predigt ging ich ins Gebet über. Hier betete ich auch, was ich gewöhnlich nicht tue, über das Mikrofon hörbar in Sprachen. Es war eine generelle Gebetsatmosphäre, so wiederfuhr mir dies. Am Ende des Gottesdienstes kam eine Frau auf mich zu und fragte mich, ob ich Portugiesisch sprechen würde. Ich antwortete ihr: „Nein, ich spreche kein Portugiesisch!“. Sie ging weg. Ein paar Monate später telefonierte ich mit dem damaligen Pastor der Gemeinde, Peter Schneider (eine sehr vertrauenswürdige Persönlichkeit). Wir kamen ins Gespräch und Peter sagte mir dann: „Erinnerst du dich an deinen Dienst bei uns, als du in Sprachen betetest?“ Ich antwortete: „Ja, das tue ich.“ Ich wollte ihm gerade erklären, dass ich dies gewöhnlich nicht mache. Doch es schoss aus ihm heraus: „Da war eine Frau aus Brasilien. Sie kam zu mir und fragte mich, ob der Pastor Portugiesisch spreche. Ich antwortete ihr, dass ich dies nicht wisse. Sie sagte mir dann: - Dieser Pastor hat in einem Dialekt meines Dorfes perfekt auf Portugiesisch gesprochen! - Dann ging sie weg.“ Ich war begeistert und fragte ihn, was ich denn da gesagt hätte. Er antwortete mir: „Das habe ich sie nicht gefragt.“ Peter erzählte mir dann noch ein Zeugnis von einem jungen Mann, der während einer Evangelisation auf der Straße mit einer älteren Frau betete. Dieser junge Mann war erst kürzlich zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Plötzlich begann der junge Mann in Sprachen zu beten. Als er aufhörte, fragte ihn die Frau, eine Jüdin, die nicht an Jesus glaubte: „Woher kannst du so gut Hebräisch!“ Der junge Mann antwortete: „Ich kann kein Wort Hebräisch!“ Er fragte die Frau: „Was habe ich auf Hebräisch gesprochen?“ Sie antwortete: „Du hast Jesus als den Messias gepriesen!“ So gibt es also dieses Phänomen der Xenolalie auch heute noch.


[1]„Apg 2,4,; entw. mit andersartigen oder auch mit anderen Zungen reden, d.h. in fremden Sprachen reden (vgl. Jes. 28,11).“ Bauer: 638.

[2]“A distinctive feature of the apostolic experience at Pentecost was the ability to speak in languages which could be understood by those present from different parts of the world (called ‘xenolalia’). There is no indication in the NT that this ever happened again. The glossalalia in 10:46 and 19:6 is more likely to have been the phenomenon described in 1 Corinthians 12–14, which required interpretation.” Peterson, D. G. (2009). The Acts of the Apostles (S. 340). Grand Rapids, MI; Nottingham, England: William B. Eerdmans Publishing Company.


Xenolalie und Glossolalie

Wenn wir zu 1.Kor 12 – 14 zurückkommen, so ist hier ein breiteres Spektrum der unterschiedlichen Sprachen in Zungen (glossa / γλῶσσα: Zunge, Sprache vgl. Bauer:324; daher Glossolalie) aufgeführt. Grundsätzlich gilt für die Glossolalie folgendes:

 

2Denn wer in einer Sprache redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht es, im Geist aber redet er Geheimnisse. (1.Kor 14,2)

 

Die Glossolalie kennzeichnet ein Sprechen in einer Sprache, die auf Erden nicht existiert, denn: niemand versteht ihn (οὐδεὶςγὰρἀκούει)[1]. In Apg 2war dies aber anders, dort verstanden einige das, was gesprochen wurde. Also gibt es ein „Reden in Sprachen“, dass nicht einer menschlichen Sprache entspricht.[2]Paulus schreibt in 1.Kor 13,1 von „Sprachen der Menschen und der Engel“. Die Sprache der Engel wäre dann eine Sprache, die keiner menschlich gesprochenen Sprache entspricht und dennoch von Paulus als für den Christen mögliche Sprache erwähnt (wenn ich...). Die Sprache der Engel gehört folgerichtig nicht auf die irdische Seite, sondern auf die himmlische! Damit wären die nun folgenden hier aufgeführten „Arten der Sprachen“ der Glossolaliezu zuordnen. Dabei ist 1.Kor 14,10-11 nicht als Argument für die Xenolalie zu verwenden, sondern nur als Beispiel dafür, dass für die Auferbauung der Gemeinde eine verständliche Sprache wichtig ist:

 

10 Es gibt zum Beispiel so viele Arten von Sprachen (phonon /γένηφωνῶν) in der Welt, und nichts ist ohne Sprache (aphonon / καὶοὐδὲνἄφωνον·).  11 Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache (δύναμιντῆςφωνῆς) nicht kenne, so werde ich dem Redenden ein Barbar sein und der Redende für mich ein Barbar.

 

Würde Paulus hier vom selben Sachverhalt ausgehen, dann hätte er wohl kaum ein anderes Wort verwendet: phonä (φωνή)[3]anstelle von glossa (γλῶσσα). So komme ich zum Schluss, dass Paulus sehr wohl den Unterschied zwischen einer himmlischen Sprache und einer irdischen Sprache kannte. In 1.Kor 12-14 hatte er diese himmlische Sprache im Blick, wobei er aber sicherlich um das Phänomen der Xenolalie wusste. Diese ist aber hier nicht der Schwerpunkt seiner Betrachtung. Es geht ihm, so schließe ich, schwerpunktmäßig um das Phänomen der Glossolalie.


[1]Es ist wahrscheinlich, dass es sich hierbei um keine menschliche Sprache handelt. „Verse 2says that the person who speaks in tongues is speaking to God, a clear indication that glossolalia was seen as a prayer language or as a way to talk to God, not as a human language. Paul calls it the Spirit speaking mysteries. Here mystēriasurely means “unknown or secret things,” probably, that is, what is unintelligible.” Witherington, B., III. (1995). Conflict and Community in Corinth: A Socio-Rhetorical Commentary on 1 and 2 Corinthians(S. 281). Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publishing Co.

[2]„Most likely, therefore, the key to Paul’s—and their—understanding lies in the term “the language of angels” in 13:1 (q.v.). On its usefulness or lack thereof to the community and the individual, see on 14:1–5 and 13–19.” Fee, G. D. (2011). God’s Empowering Presence: The Holy Spirit in the Letters of Paul(S. 173). Grand Rapids, MI: Baker Academic.

So auch Wolff: „Die Eigentümlichkeit christlicher Glossolalie sind ihr Inhalt und ihr eschatologischer Charakter; das Sprachenreden ist “eine den Christen eschatologisch geschenkte Möglichkeit, Gott mit den Engeln zu preisen und die himmlischen Geheimnisse zu erfahren und nachzusprechen (I Kor 14,2)”. Dennoch wird auch sie dereinst hinfällig, wenn die vollkommene Gottesgemeinschaft realisiert ist (13,8–10).“ Wolff, C. (2011). Der erste Brief des Paulus an die Korinther. (J. Herzer & U. Schnelle, Hrsg.) (3., korrigierte Auflage, Bd. 7, S. 294–295). Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

[3]„Er verweist auf die - in der Hafenstadt Korinth besonders erfahrbare - Fülle verschiedener Sprachen in der Welt. Paulus gebraucht das Wort φωνή, da γλῶσσα(indeterminiert) im Kontext auf die Glossolalie bezogen ist. Zu οὐδὲνἄφωνονist vermutlich γένοςzu ergänzen, nun aber in der Bedeutung “Nation, Volk”. Damit soll dann die Vielzahl der Sprachen unterstrichen werden, so daß gemeint ist: Jedes Volk hat seine eigene Sprache. Wo eine Sprache nicht verstanden wird, kommt es zu keiner Gemeinschaft; Redender und Hörender bleiben sich gegenseitig fremd. βάρβαροςist in seiner ursprünglichen Bedeutung gebraucht; das lautmalend gebildete Wort bezeichnet den, der stammelnde und undeutliche Laute von sich gibt, im weiteren Sinne den unverständlich Sprechenden.“ Wolff, C. (2011). Der erste Brief des Paulus an die Korinther. (J. Herzer & U. Schnelle, Hrsg.) (3., korrigierte Auflage, Bd. 7, S. 331). Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.


Beten in Sprachen (Glossolalie = nicht menschliche Sprache)

Ein Aspekt der Glossolalie ist das „Beten in Sprachen“. Paulus spricht davon, indem er schreibt in 1.Kor 14,14ff.: 

 

  14Denn wenn ich in einer Sprache bete ([γὰρπροσεύχωμαιγλώσσῃ), so betet mein Geist (τὸπνεῦμάμουπροσεύχεται), aber mein Verstand ist fruchtleer.  15Was ist nun? Ich will beten mit dem Geist (προσεύξομαιτῷπνεύματι), aber ich will auch beten mit dem Verstand; ich will lobsingen mit dem Geist (ψαλῶτῷπνεύματι), aber ich will auch lobsingen mit dem Verstand.  16Denn wenn du mit dem Geist preist, wie soll der, welcher die Stelle des Unkundigen einnimmt, das Amen sprechen zu deiner Danksagung, da er ja nicht weiß, was du sagst?  17Denn du sagst wohl gut Dank, aber der andere wird nicht erbaut.

 

Zunächst ist auffallend, dass hier vom „Beten in einer Sprache“ gesprochen wird. Beten (προσεύχομαι) kann umfassend für Gebete sprechen, anbeten, Fürbitte tun usw. verwendet werden (vgl. Exegetisches Wörterbuch Bd.III :398f.). Damit könnte man also allgemein aussagen, dass wer im Geist betet, dies im umfassenden Sinne von Anbetung, Danksagung, Bitte und Fürbitte tut. Dabei ist auch die Wendung interessant: „so betet mein Geist, aber mein Verstand ist fruchtleer“ (1.Kor 14,14).

 

Der Geist des Menschen ist der Aspekt des menschlichen Seins, welcher auf Gott hin ausgerichtet ist. Wenn also das Beten in einer Sprache praktiziert wird, so ist dies ein ganz und gar ausgerichtet sein des Menschen auf Gott hin. Dabei bleibt der Verstand fruchtleer, aber ist nicht ausgeschaltet. Dies steht also im Gegensatz zur Ekstase, in welcher der Mensch in seinem Verstand ausgeschaltet wird. Dennoch ist es ein Beten, welches in diesem umfassenden Sinne im Geist auf Gott ausgerichtet ist. Man könnte es auch so umschreiben: Durch die Gabe des Sprachengebets betet der Mensch durch den Heiligen Geist mit seinem Geist Gott an, steht in Anbetung, Dank, Bitte und Fürbitte vor Gott. Das dies ein Zusammenspiel zwischen dem Heiligen Geist und dem Menschen in seinem Ausgerichtet sein auf Gott darstellt, wird durch den nächsten Vers deutlich 1.Kor 14,15: „Ich will beten mit dem Geist (προσεύξομαιτῷπνεύματι), aber ich will auch beten mit dem Verstand; ich will lobsingen mit dem Geist (ψαλῶτῷπνεύματι), aber ich will auch lobsingen mit dem Verstand.“ 

 

Das Beten im Geist geschieht durch die Gabe des Sprachengebets. Diese Gabe ist eine durch den Heiligen Geist vermittelte Gabe. Somit wird deutlich, dass wenn ich im Geist bete, dies in der Gabe der Sprache geschieht, die mir durch den Heiligen Geist geschenkt ist. Hierbei bleibt der Verstand des Menschen unfruchtbar, ohne Frucht (ἄκαρπός). Dies bedeutet, dass zunächst für das bewusste Erkennen und Verstehen des Menschen kein fruchtbares Ergebnis daraus resultiert. Dies aber ist wichtig, um die Gemeinde aufzuerbauen. Gegenseitige Auferbauung kann nur geschehen, wenn auch die Äußerung nicht nur wahrgenommen, sondern auch verstanden werden kann. Dennoch ist diese Gabe nicht nebensächlich oder gar unwichtig. Das Gewicht dieser Gabe entspricht ihrem Nutzen. So schreibt Paulus in 1.Kor 14,4-5:

 

Wer in einer Sprache redet, erbaut sich selbst (λαλῶνγλώσσῃἑαυτὸνοἰκοδομεῖ); wer aber weissagt, erbaut die Gemeinde (δὲπροφητεύωνἐκκλησίανοἰκοδομεῖ). 5 Ich möchte aber, daß ihr alle in Sprachen redet, mehr aber <noch>, daß ihr weissagt. Wer aber weissagt, ist größer, als wer in Sprachen redet, es sei denn, daß er es auslegt, damit die Gemeinde Erbauung empfange.

 

Diese Selbstauferbauung im Sprachenreden geschieht durch das Beten im Geist. Denn hierbei richten wir im Geist durch die Gabe des Heiligen Geistes Anbetung, Bitte, Fürbitte und Danksagung (1.Kor 14,16f. εὐχαριστία; εὐχαριστέω) zum Herrn. Dabei beten wir im Geist und der Geist betet durch uns, aber unser Verstand weiß nicht was wir beten! Diese Selbstauferbauung hat nicht einen Ich-zentrierten Lebensstil zum Ziel. Denn alle Gaben haben das Ziel dem Nutzen aller zu dienen (vgl. 1.Kor 12,7). Auch die Gabe des Sprachengebets, dient zum Nutzen aller, wenn die Liebe bestimmende Motiv ist (vgl. Liebe Motivation im Dienst der Gaben). Doch wer selbst keine innere Stärkung erfährt, kann auf die Dauer nicht anderen dienen, ohne Gefahr zu laufen, aus zu brennen. Daher ist meiner Meinung nach diese Gabe gerade im Dienst für Andere eine wichtige Gabe. 

Für Paulus ist diese Gabe sicherlich nicht unwichtig, vielmehr will er mit seinen Ausführungen der egoistischen Schieflage der Korinther ein Korrektiv entgegenstellen. Daher schreibt Paulus auch: „Ich möchte, dass ihr alle in Sprachen betet…“. Paulus geht sogar soweit, dass er schreibt: „Ich danke Gott, ich bete mehr in Sprachen als ihr alle“ (1.Kor 14,18) daraus lässt sich sicherlich schließen, dass für Paulus diese Gabe im Dienst einen hohen Stellenwert inne hatte.


Singen in Sprachen (Glossolalie = nicht menschliche Sprache)

Es gibt nicht „nur“ das Sprachengebet, sondern auch das Lobsingen im Geist. Paulus verweist darauf in der schon erwähnten Stelle in 1.Kor 14,14-15:

 

14 Denn wenn ich in einer Sprache bete, so betet mein Geist, aber mein Verstand ist fruchtleer.  15 Was ist nun? Ich will beten mit dem Geist, aber ich will auch beten mit dem Verstand; ich will lobsingen mit dem Geist (ψαλῶ τῷ πνεύματι), aber ich will auch lobsingen mit dem Verstand.

 

Dies ist nun analog zu dem beten im Geist zu verstehen (somit keine Ekstase, die den Verstand ausschaltet). Nur ist hier das Lobpreisen[1]im Blickfeld, welches Danksagung und Erhebung des HERRN beinhaltet. Hierbei gibt es auch ein Lobsingen im Verstand: vgl. Röm 15,9 „deinem Namen lobsingen“; Jak 5,13 „er singe Psalmen“. Interessant ist ebenfalls die Aussage des Paulus in Eph 5,15-20:

 

15Seht nun genau zu, wie ihr wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise!  16Kauft die <rechte> Zeit aus! Denn die Tage sind böse.  17Darum seid nicht töricht, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist!  18Und berauscht euch nicht mit Wein, worin Ausschweifung ist, sondern werdet voller Geist,  19indem ihr zueinander in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern redet (λαλοῦντες ἑαυτοῖς [ἐνψαλμοῖς καὶ ὕμνοις καὶ ᾠδαῖς πνευματικαῖς) und dem Herrn mit eurem Herzen singt und spielt!  20Sagt allezeit für alles dem Gott und Vater Dank im Namen unseres Herrn Jesus Christus!

 

Ob es sich hier um dasselbe handelt, wie das in1.Kor 14,14-15 beschriebene, ist natürlich umstritten und nicht unbedingt wahrscheinlich. Es handelt sich in V.19um Psalmen, Loblieder und Oden (Lieder), die durch den Geist inspiriert sind, aber in verständlicher Sprache mitgeteilt werden. Dabei ist aber der Bezug zum Geisterfüllt sein (V.18), welches die Voraussetzung ist, um geistinspirierte Lieder sprechen zu können, wesentlich. Ähnliches lesen wir auch in Kol 3,16:

 

  16 Das Wort des Christus wohne reichlich in euch; in aller Weisheit lehrt und ermahnt euch gegenseitig! Mit Psalmen, Lobliedern und geistlichen Liedern (ψαλμοῖς ὕμνοις ᾠδαῖς πνευματικαῖς) singt Gott in euren Herzen in Gnade!  17 Und alles, was ihr tut, im Wort oder im Werk, alles tut im Namen des Herrn Jesus, und sagt Gott, dem Vater, Dank durch ihn[2]

 

Wenn wir diese zwei Text zu unserem Text aus 1.Kor 14,15 hinzunehmen, dann könnte man folgende Schlussfolgerung ziehen: es gibt Lieder, die geistinspiriert, spontan aber in verständlicher Sprache gesprochen/gesungen sind (Psalmen, Hymnen, Oden)[3]und es gibt geistinspirierte Lieder, die im Geist durch die vom Heiligen Geist gegebene Gabe der Sprachen gesungen werden. Diese aber ist nicht für den menschlichen Verstand inhaltlich erfassbar und dient zur Selbsauferbauung des Christen. 

Weiter ist interessant, dass wir in Jud 20 lesen:

 

  20Ihr aber, Geliebte, erbaut euch auf eurem heiligsten Glauben, betet im Heiligen Geist(ἐν πνεύματι ἁγίῳ προσευχόμενοι), 21erhaltet euch in der Liebe Gottes, indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben.

 

Hier wird die Auslegung vertreten, dass dies bedeuten soll: in der Linie unter der Leitung des Heiligen Geistes und nicht in eigener menschlicher Ausrichtung zu beten.[4]Ein Bezug zu 1.Kor 14,15 wird bei solch einer Auslegung verneint. Jedoch scheint mir diese Ansicht nicht wirklich überzeugend. Der Bezug zur Glossolalie ist für mich hier eher wahrscheinlich.[5]Dies wird noch untermauert durch Eph 6,18 bei dem ebenfalls ein Bezug zur Glossolalie am Wahrscheinlichsten ist. Dort schreibt Paulus:

 

  18Mit allem Gebet und Flehen betet zu jeder Zeit im Geist (προσευχόμενοι ἐν παντὶ καιρῷ ἐν πνεύματι), und wachet hierzu in allem Anhalten und Flehen für alle Heiligen  19<und> auch für mich! damit mir Rede verliehen werde, wenn ich den Mund öffne, mit Freimütigkeit das Geheimnis des Evangeliums bekanntzumachen  20– für das ich ein Gesandter in Ketten bin –, damit ich in ihm freimütig rede, wie ich reden soll.

 

Gordon Fee vermerkt zu dieser Stelle (:730f):

Given the context, and that he has just mentioned the Spirit in association with proclamation, Paul at least intends to associate the empowering of the Spirit with one’s praying as well. There is every good reason to think that Paul intends this phrase precisely as he has used it elsewhere—especially in 1 Cor 14:14–15 (cf. Rom 8:26–27)—to refer specifically to that form of prayer in which the Spirit assumes a special role in the  praying, especially, though probably not exclusively, praying in tongues. In that passage Paul distinguishes between two forms of prayer: one he will do “with the mind” and in the public assembly; the other he will do “in/by the Spirit” and in the privacy of his own life of devotion before God. If that catches some of us off guard because it is so little a part of the prayer life of most people in the church, we probably ought not to read our experience of church back into the life of Paul. What Paul says about this kind of praying in 1 Cor 14:1–5 and 14–19 demonstrates that he engaged in it regularly, and that he urged the believers in Corinth to do so as well.[6]

 

Wenn nun Jud 20 und Eph 6,18 eine Ermutigung, oder ein Befehl zum Sprachengebet beinhaltet und dies in Bezug auch zum geistlichen Kampf steht, kann man daraus sicherlich mindestens zweierlei schließen:

 

a)     das Beten in Sprachen und das Lobpreisen in Sprachen ist jedem Christen von Gott her zugedacht. Denn es handelt sich dabei zunächst um eine Gebetssprache, die Gott jedem Christen zur Selbst-Auferbauung schenken möchte. 

 

b)    diese Gabe ist dann auch in Bezug auf den geistlichen Kampf in der Nachfolge eine wesentliche und wichtige Gabe (Eph 6,18). Was nochmals dafür spricht, dass diese Gabe Gott jedem Christen geben möchte.

 

Was aber hat es mit der Gabe der Sprachen im öffentlichen Kontext auf sich, wo Paulus fordert, dass sie ausgelegt werden müsse[7]? Hier gehe ich davon aus, dass dies als eine Art prophetischen Redens in Sprachen an die Versammlung und nicht als Gebetssprache auf Gott hin ausgerichtet, zu verstehen ist. 


[1]ψάλλω Bauer (:1777): „lobsingend preisen, lobsingen“

[2]„The addition of πνευματικαῖς(“spiritual”), whether referring to all three items or only the last, almost certainly denotes or at least includes songs sung under immediate inspiration of the Spirit (charismatic songs, “inspired songs,” JB/NJB). This is the implication of πνευματικόςitself (see on 1:9), as the close parallel in 1 Cor. 14:15 (ψαλῶτῷπνεύματι), 26 also confirms (cf. Testament of Job43:2 (P); 1 Enoch71:11–12; see also on 2:18; H. Schlier, TDNT1.164; Wolter 190–91). We should also note that in Eph. 5:18–19 such singing is understood to be the result of being filled with the Spirit, in some ways like the uninhibited singing of those who are drunk (Eph. 5:18; cf. Acts 2:13–18), but expressive of a very different Spirit (see my Jesus238). Whether glossolalic singing is envisaged is difficult to determine: the parallels in Acts 2:1–4 and 1 Cor. 14:15 would suggest so; but Paul probably thought of glossolalia as angel speech (1 Cor. 13:1; 14:2), and that might seem to put the Colossian Christian worship on the same level as the angel worship criticized in 2:18. Given the use of πνευματικόςalready in 1:9 we should hesitate before attributing the reference here to a merely formal echo of earlier Pauline emphases. More probably we should recognize that a lively, spontaneous, charismatic worship (including glossolalia?) continued to be a feature of the Pauline churches (including those he had not himself founded or visited), at least for the full length of his own ministry.” Dunn, J. D. G. (1996). The Epistles to the Colossians and to Philemon: a commentary on the Greek text(S. 239). Grand Rapids, MI; Carlisle: William B. Eerdmans Publishing; Paternoster Press.

[3]Wenn man von der Schriftinspiration ausgeht, so könnte man wohl auch den Schluss ziehen, dass die Psalmen als geistliche Lieder verstanden wurden (2.Tim 3,16).

[4]„ praying in the Holy Spirit. That is, in the sense of praying in harmony with the leading of the Holy Spirit, rather than according to one’s own agenda (cf. Rom. 8:26–27; Eph. 6:18). The context here suggests the idea of praying in the Spirit in a general sense, rather than the specific sense of speaking in tongues described in 1 Cor. 14:14–19.”Crossway Bibles. (2008). The ESV Study Bible(S. 2451). Wheaton, IL: Crossway Bibles.

[5]„We have no other information about the practices of Jude’s community, but, given that the one place where Paul explains the phrase he does so in terms of glossolalic prayer (praying in tongues) and the widespread experience of glossolalia in the NT period according to both Paul and Acts, J. D. G. Dunn is probably correct when he writes, “A reference to charismatic prayer, including glossolalic prayer, may therefore be presumed for Jude 20.” Again the contrast with the false teachers is clear. While Jude’s readers are empowered by the Holy Spirit, since they can pray in the Spirit (as opposed to praying in a merely human manner) as indicated by glossolalic prayer,16the teachers Jude opposes are devoid of the Spirit (Jude 19).” Davids, P. H. (2006). The letters of 2 Peter and Jude(S. 95). Grand Rapids, MI: William B. Eerdmans Pub. Co.

[6]Fee, G. D. (2011).God’s Empowering Presence: The Holy Spirit in the Letters of Paul(S. 730–731). Grand Rapids, MI: Baker Academic.

[7]Das Problem in Bezug auf die Zungen/Sprachenrede, die nicht ausgelegt wird ist auch im Blick auf den Unkundigen (1.Kor 14,16) gegeben, da er nicht versteht, was da vor sich geht. Das Wort Unkundiger (ἰδιώτης) bedeutet (Fremder, Nichtfachmann, Laie). Interessant ist, was Bauer hierzu anmerkt (:753): „1.Kor 14,23f. bilden die ἰδιῶται und ἄπιστοι zus. den Ggs. zur christl. Gemeinde. die ἰδ. sind weder den ἄπιστοι gleich ... , noch auch vollwertige Chrsiten, sondern stehen offenbar zwischen beiden als eine Art Proselyten.....Ihre, mit d. ἄπιστοι verglichen, engere Verbindung zur Gemeinde .... tritt auch darin zutage, daß sie einen bes. Platz im christl. Versammlungsraum haben 1.Kor 14,6.“ Strack-Billerbeck schreibt (:456): „Nach dem rabbinischen Sprachgebrauch könnte mit dem ἰδιώτης 1 Kor 14,16 gar wohl einer gemeint sein, der dem Zungenredner gegenüber ein Laie war; doch die Verbindung ἰδιῶταιἄπιστοι1.Kor 14,23f. macht es wahrscheinlicher, daß der Apostel unter dem ἰδιώτης einen Unwissenden verstanden hat, der dem Christentum bis dahin ferngestanden hatte.“


Prophetisches Reden in Sprachen (Glossolalie = nicht menschliche Sprache)

Ganz allgemein spricht Paulus davon, dass: „wer in einer Sprache redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht es, im Geist aber redet er Geheimnisse.“ (1.Kor 14,2). Davon handelt 1.Kor 14,1-13, dies beinhaltet sowohl das Beten und Lobpreisen in Sprachen für sich selbst zu Gott hin (1.Kor 14,15-16), als auch das prophetische Reden in Sprachen zur Versammlung. Dass es nicht nur das Beten und Lobpreisen in Sprachen gab, welches zum HERRN gerichtet war, wird deutlich indem Paulus in 1.Kor 14,26-33 schreibt:

 

26Was ist nun, Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Offenbarung, hat eine Sprache<nrede>, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Erbauung.  27Wenn nun jemand in einer Sprache redet, <so sei es> zu zweien oder höchstens zu dritt und nacheinander, und einer lege aus.  28Wenn aber kein Ausleger da ist, so schweige er in der Gemeinderede aber für sich und für Gott.  29<Von den> Propheten aber sollen zwei oder drei reden, und die anderen sollen urteilen.  30Wenn aber einem anderen, der dasitzt, eine Offenbarung <zuteil> wird, so schweige der erste.  31Denn ihr könnt einer nach dem anderen alle weissagen, damit alle lernen und alle getröstet werden.  32Und die Geister der Propheten sind den Propheten untertan.  33Denn Gott ist nicht <ein Gott> der Unordnung, sondern des Friedens.

 

Hier zeigt sich, dass es das Reden in Sprachen hin zur Versammlung gab (V.27), dies soll analog zum prophetischen Reden in einer gewissen Ordnung geschehen (V.27). Dabei ist nun zu beachten, dass dieses Reden hin zur Versammlung eines Auslegers bedarf. Dies kann eine anwesende Person sein, oder aber der in Sprachen Redende selbst (vgl. 1.Kor 14,13). Die Frage dabei ist nun, was es bedeutet, dass falls kein Ausleger da ist, er in der Gemeinde schweigen soll, aber für sich zu Gott hin reden könne? 

  •  Bedeutet dies, dass er überhaupt nicht im Kontext der Gemeindeversammlung in Sprachen Beten oder Lobpreisen darf, so dass dies ausschließlich im privaten Kontext der persönlichen Gebetszeit geschehen soll? 
  • Oder bedeutet dies, dass er im Kontext der Gebetszeit und des Lobpreises sehr wohl im Rahmen der Gemeindeversammlung in Sprachen für sich zu Gott hin beten darf? Es soll aber keine Sprachenbotschaft an die Versammlung erfolgen, wenn kein Ausleger da ist.

Persönlich tendiere ich zur zweiten Position. Denn auch 1.Kor 14,13 würde keinen Sinn ergeben, wenn dies nicht im konkretem Zusammenhang mit der Gemeindeversammlung stehen würde. Während der persönlichen Anbetung und Lobpreisung Gottes im Kontext der Gemeindeversammlung soll der in Sprachen betende, auch darum bitten, die Auslegung dessen zu empfangen, was er gerade betet. Scheinbar besteht zwischen Sprachen Gebet und prophetischen Wort an die Gemeinde ein innerer Zusammenhang. Aus der Gemeinschaft mit dem HERR durch das Gebet im Geist, empfängt der Betende in seinem Verstand Impulse (vgl. Gabe der Prophetie), die er als (prophetische) Botschaft an die Gemeinde weitergeben soll. Oder aber er empfängt im Gebet durch das Drängen des Heiligen Geistes den Impuls eine Sprachenbotschaft an die Versammlung zu richten. Dies aber mit der  inneren Gewissheit, dass er selbst oder eine andere Person die Auslegung vom HERRN empfängt. Wenn dies nicht der Fall ist, dann soll er keine Sprachenrede an die Versammlung richten.


Auslegung der Sprachen (mit verständlicher Sprache zu den Menschen)

Bei der Auslegung der Sprachen handelt es sich um die Gabe der Interpretation bzw. Übersetzung (vgl. Bauer: 627), dessen, was als Sprachenbotschaft an die Gemeinde weitergegeben wird. Interessant ist auch die Anmerkung von Behm (ThWNT Bd.2 :660): 

 

„Im Alten Testament ist gelegentlich der Gedanke ausgesprochen, daß der gewöhnliche Mensch Träumen gegenüber (obwohl sie von Jahwe kommen) hilflos ist. In Gn 40,8; 41,16; Da 2,27f.30 wird die Anschauung vertreten, daß auch die Deutung des Traums von Jahwe kommen muß, sofern der Empfänger des Traums nicht außerdem im Besitz eines prophetischen Charismas ist.“ 

 

Der Bezug zu göttlichen Träumen ist daher interessant, da auch hier, weder der Traum noch die Auslegung des Traums in der Verfügungsmacht des Menschen steht. Hierin sehe ich eine Parallele zu dem, was Paulus in Bezug auf die Gabe der Sprachenrede als Botschaft zur Gemeinde aufzeigt. Dabei wird deutlich, dass es sich bei dieser Gabe um eine „himmlische“ Sprache handelt (vgl. 1.Kor 13,1 und Ausführungen oben). Dies ist keine Xenolalie, wie wir dies in Apg 2,4 sehen. Beim Pfingstereignis verstanden die Menschen, was gesprochen wurde, denn sie riefen: „Wie hören wir sie von den großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden?“ (Apg. 2,11). Wie schon erwähnt ist dies im Kontext von 1.Kor 12-14 nicht im Blickfeld, obwohl Paulus sicherlich um die Gabe der Xenolalie wusste. Mir scheint diese Differenzierung zum Verständnis der Gaben der Sprachenrede und Gabe der Auslegung der Sprachen wichtig. 

Paulus hebt hervor, dass niemand diese Sprachenrede versteht. Sie ist zu Gott und nicht zu den Menschen hin gerichtet (vgl. 1.Kor 14,2). Daher ist die Gabe der Auslegung, der Interpretation ebenfalls nicht eine menschliche Möglichkeit, wie dies bei einem Übersetzer von Fremdsprachen der Fall wäre. Bei der „Gabe der Auslegung der Sprachen“ handelt es sich um eine geistinspirierte Befähigung zur Interpretation, der vom Geist inspirierten Sprachenbotschaft. 

Die Herausforderung für uns liegt darin, dass wir nicht konkret wissen, wie der Gottesdienst in Korinth verlief. Wir können nur aus den Aussagen des Paulus schlussfolgern, wie es wohl zugegangen sein könnte. Das Anliegen von Paulus ist es dem „geistlichen Wildwuchs“, dem chaotischen Durcheinander Einhalt zu gebieten. Hierbei ist eine Grundregel offensichtlich die, dass wenn eine Sprachenbotschaft zur Versammlung gerichtet wird, diese auch einen Ausleger braucht. Ansonsten ist die Botschaft, welche vielleicht wirklich von Gott durch den Sprechenden an die Anwesenden ergeht, fruchtlos. Daher muss derjenige, der die Gabe praktiziert, sensibel für das Wirken des Heiligen Geistes sein. Denn es gilt zu unterscheiden, ob die Sprachenbotschaft eine Botschaft für die Versammlung ist und ob es dran ist, sie weiter zu geben. Gleichzeitig soll er beten, dass er die Auslegung für die Botschaft empfängt. Wenn er in dieser Gebetshaltung die innere Gewissheit erhält, dass ein Ausleger da ist, oder er selbst die Auslegung empfangen hat, kann er sprechen. Dies aber soll in Ordnung geschehen, wie Paulus es in1.Kor 14,26-28 festhält. Die Wendung, welche Paulus an seine Ausführungen anfügt, ist sehr interessant, denn er schreibt: „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens“ (1.Kor 14,33). 

Dabei ist nochmals fest zu halten, dass weder derjenige, der eine Sprachenbotschaft weitergibt, noch derjenige, welcher sie auslegt sich in ekstatischem Zustand befindet. Der Verstand, das Bewusstsein des Menschen, der in diesen Gaben dient, ist zu keinem Zeitpunkt ausgeschaltet. Daher soll er auch im Gebet um Auslegung bitten und im Gebet prüfen, ob er die Botschaft weitergeben soll. Ebenfalls zeigt der Hinweis auf geordnete Weitergabe im Gabendienst (1.Kor 14,27), dass niemand durch die Inspiration des Heiligen Geistes die Verfügunggewalt über sich selbst verliert. Dies wären meiner Meinung nach dann eher Zeichen für unreife Christen, die aus ihrer überwältigten Emotionalität heraus in den Gaben dienen, oder aber für ein Wirken, dass nicht dem Heiligen Geist entspricht. Hierbei ist die Gemeindeleitung (Älteste) gefordert die Versammlung so zu leiten, dass der Gabendienst wirklich zum Nutzen der Anwesenden dient. Auch hier gilt, dass wir Mitarbeiter Gottes sind und daher in einer personalen Partnerschaft mit Gott stehen. Wir dürfen uns im Gabendienst entwickeln und lernen in der Abhängigkeit von Gottes Geist zu dienen. Wenn die Liebe das Motiv ist, wir mit ehrlichem Herzen nach Gottes Reich trachten und uns Gottes Herrschaft unterordnen, müssen wir keine Angst vor dem Gabendienst haben. Selbst wenn wir in unserer Entwicklung „Fehler“ machen, können diese durch die Gemeindeleitung im Geist der Liebe korrigiert werden. So dienen dann selbst unsere „Fehler“ als Entwicklungshelfer zu größerer Reife im Gabendienst.


Schlussbemerkungen

In diesem Artikel habe ich nun versucht darzulegen, was ich unter dem verstehe, was Paulus in 1.Kor 12,10 mit „Arten der Sprachen“ und „Auslegung der Sprachen“ bezeichnet. Ich habe dies im Kontext von 1.Kor 12-14 betrachtet und auch den Bezug zur Apg. hergestellt. Ebenfalls wurden hier andere Briefe am Rande mit hinzu gezogen. So wurde hervorgehoben, dass bei der Sprachenrede zwischen Xenolalie und Glossolalie zu unterscheiden ist.

Es gibt für mich keinen exegetischen Grund an zu nehmen, dass diese Gaben aufgehört hätten zu existieren. Die Xenolalie ist das geistinspirierte Reden in einer fremden irdisch existierenden Sprache, die man selbst aber nicht beherrscht. Die Glossolalie hingegen ist gemäß meinen Ausführungen zu differnzieren in: Beten in Sprachen (zu Gott vgl. 1.Kor 14,14), Singen in Sprachen (zu Gott vgl. 1.Kor 14,15), Danken in Sprachen (zu Gott vgl. 1.Kor 14,16) und Prophetisches Reden in Sprachen ( zu Menschen vgl. 1.Kor 12,101.Kor 14,13). Bei der Glossolalie handelt es sich um keine irdisch existierende Sprache. Dabei bedarf allein das (prophetische) Reden in Sprachen, welche an die Versammlung gerichtet ist, der Auslegung. Auch die Gabe der Auslegung ist eine Gabe des Heiligen Geistes und dem Menschen nicht verfügbar. Dabei gilt dieser Gabe, ebenso wie allen anderen Gaben der Imperativ: „Strebt nach der Liebe, eifert aber nach den geistlichen (Gaben)“ (1.Kor 14,1).

Diese Ausführungen stellen meine Sichtweise dar und sind wie alles, was wir sagen: Stückwerk der Erkenntnis! Gerne darf mir widersprochen werde. Ich ermutige jeden, der mir ein kritisches Feedback auf Grundlage der Schrift geben will, dies zu tun. Ich freue ich mich sowohl über kritisch korrigierendes auch über positiv bestätigendes Feedback. Feedback aller Art kann mir über: Kontakt und dem dort vorgesehenen Kommentarfeld, oder direkt über die dort aufgeführte E-Mail Adresse zugesandt werden.

 

Ich wünsche allen alles Gute, möge der HERR diese Ausführungen zum Segen für den Leib Christi gebrauchen.

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